Bericht vom virtuellen Arbeitsmarkt
Der arbeitslose Webdesigner Lars P aus H beschreibt seinen beruflichen Werdegang, den derzeitigen Status und seine Bemühungen, Arbeit zu finden.
Also, ich suche echt Arbeit. Mache jeden Job, Hauptsache, ich muß nicht länger Drogen verkaufen oder den Hintern hinhalten. Und Drücken will ich auch nicht mehr. Also Zeitungen an der Tür verkaufen. Das ist nämlich nicht so schön. Weil, wenn es regnet, da wird man dann ganz naß, weil, also die Omis bitten einen nicht mehr rein, wie früher nämlich. Ist so, die sind voll mißtrauisch geworden seit mein Freund Klaus versucht hat, sich als GEZ-Kontrollör auszugeben. Und die haben immer öfter so kleine rattige Köter, fast so ne Art Piranhas mit Beine. Also, wie ich sagte, Zeitungen anner Tür ist mein Ding nich so.
Achja, ich soll das positiv formulieren, hat meine Arbeitsberaterin gesagt. Nicht so, daß es die Leute gleich abschreckt. Ja. Kann ich auch verstehen. Bin ja nicht doof. Das ist man erst, wenn der IQ unter 72 ist. Und da habe ich noch 20 Punkte hin, die reichen bis zur Rente. Nun - also, dann schreibe ich mal mein Lebenslauf hierhin, also was ich so gelernt habe.
Ja, ich bin zur Schule gegangen. Gesamtschule, dann Grundschule, dann Flachabitur und ab ins Studium. Beim Bund wollten die mich ja nicht, meinten, ich wäre eine Gefahr für die Allgemeinheit. Dabei habe ich vollen Einsatz gezeigt. Und Lernbereitschaft. Und so richtig Initiative. Woher soll ich wissen, daß man für die fetten Panzer einen Extrakurs braucht? Und bloß wegen der paar Runden auf dem Kasernenhof machen die dann so einen Aufstand. Am Mercedes des Oberfeldwebels zahle ich immer noch, aber das ist auch die einzige Lohnpfändung von meinem Konto.
Also, danach eben Studium. Anner Fachhochschule. Die sind ja besser wie Unis, weil man da praktisch was lernt. Hab den Kurs auch geschafft, jetzt bin ich Wegdesigner. Die Note is nich so das Gelbe vom Ei, aber es zählen ja auch mehr so die softigen Skills. Also reden können mit Leuten und nett sein, dem Scheff nicht bei einer Präsentation sagen, daß seine Hose offen ist und der Azubine nicht an den Hintern fassen und so. Das hab ich alles im Praktikum gelernt. Die waren da auch ganz nett und haben mir schon nach drei Tagen ein Superzeugnis ausgestellt und gemeint, bei ihnen könnte ich nichts mehr lernen.
Ja, und dann stand ich auf einmal da, viel gelernt und keine Arbeit. Das war nicht schön. Gar nicht schön. Kein Geld, keine Freundin, keine Ahnung wie es weitergehen soll. Aber was solls, ich bin ja Optimist und habe dann erstmal Zeitarbeit gemacht. Also, das waren ganz neue Erfahrungen. So in der Futtermittelfabrik das alte Zeuch umtüten, daß die noch aus der Zeit von vor dem Rinderwahn hatten. Da hab ich ordentlich was gelernt. So über Sicherheit und Gesundheit. "Nicht das Tiermehl einatmen, da wird man dumm von" hat mein Vorarbeiter immer gesagt. Und als das mit dem BSE immer schlimmer wurde, da hat man gesehen, daß er recht gehabt hat. Naja, war ein harter Job, aber seit ich weiß, was die Rinder so für leckeres Futter bekommen, esse ich auch viel lieber wieder bei MäcDonalz.
Später habe ich dann für 4 Euros die Stunde in so einem Laden den Türsteher gemacht. Mußte man immer aufpassen, daß die Kunden nicht grob zu den Mädels wurden und auch immer bezahlten. Da kommt auch dieser Eintrag im Führungszeugnis her, dem einen habe ich eine gelangt, als er mir dumm kam. Die Strafe war bestimmt so hart, weil das ein Intimfreund vom Bürgermeister war, sonst wäre der Richter bestimmt nicht so streng gewesen. Naja, und da habe ich auch den Schnee-Johnny kennengelernt. Das ist vielleicht ein Typ. Aber hat Verbindungen. So Networking, was ja voll wichtig ist heute. Also, Schnee-Johnny hatte immer Arbeit für mich. Leider alles schwarz, kann ich also kein Zeugnis von vorlegen. Heute weiß ich ja, daß das ein Fehler war. Aber damals, ich war jung und brauchte das Geld!
Naja, nachdem die Sache mit dem Gericht durch war, hatte Johny keine Arbeit mehr für mich, von wegen der Polizeiauflagen, das war ihm zu unsicher. Er hat mich dann auch mal beiseite genommen und mir gesagt: "Das mit dem Webdesign, das ist auch nichts für Dich. Da wärst du ja noch als Windsurfer besser. Lern mal lieber was richtiges." Und dann hat er mir die Umschulung besorgt. Er kennt nämlich noch den einen Sachbearbeiter vom Amt, von dem hat er ganz viele schweinische Fotos als der mal so richtig mit dem Mädels gefeiert hat. Tja, und schon hatte ich diesen Kurs zum Altenpfleger. Networking ist wirklich toll.
Ich wollte einen Job, bei dem man was mit Menschen macht. Und Alte gibt es immer, habe ich gedacht. Also Altenpfleger. Der Beruf hat Zukunft, auch wenn die Rentner keine haben, sagte unser Ausbilder immer. Wir haben da dann ganz viel gelernt. So, daß man die Alten nicht Duzen darf, weil das die Angehörigen nicht mögen. Und daß man beim Füttern den Trichter gerade halten muß. Und beim Waschen muß man die Würde von dene beachten. Klar, möchtest Du ja auch nicht, daß Dich einer an die Würde faßt. Vor allem braucht man Geduld. Die Krankenkassen, die möchten am liebsten, daß wir die Menschen in 5 Minuten fertichmachen und so. Das ist doch unmenschlich. Ich nehme mir immer mindestens 6 Minuten Zeit, wenn ich jemanden wasche, anziehe und Frühstück gebe.
Aber das Ende vom Lied ist, daß da in dem Altenheim was nicht stimmte. Die haben da irgendwann rebelliert und den Leiter mitsamt der Oberschwester ans Bett gefesselt und sie einen Tag wie Insassen - äh - Kunden behandelt. Wir konnten da nichs machen, weil einer von den Knackern, der war mal beim Militär gewesen, und der hatte eine scharfe Pistole mit ins Heim gebracht. Mann, das war ein chaotischer Tag. Danach wurde das Heim bald geschlossen. Also bin ich mal wieder arbeitslos. Aber ich bewerbe mich fleißig. Morgen habe ich ein Vorstellungsgespräch im Frauenbuchladen. War gar nicht so leicht, da ran zu kommen, mußte ich etwas tricksen mit den Angaben. Aber wenn die mich sehen, die nehmen mich bestimmt sofort, da bin ich Optimist.

