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Die Hallen des Schweigens

Eine Geschichte aus Dihber, der Stadt der Worte. Wo es für alles ein Wort und eine Geschichte gibt, und wo selbst Tiere und Dinge etwas zu erzählen haben.

Ein zwölfjähriger Junge mit staubiger Kleidung lief durch die Zuckergasse, und lies seinen Blick überall umherschweifen – aber er hatte kein Auge für die köstlichen Auslagen, die wortreich von eleganten Verkäuferinnen angepriesen wurden.

Kamu war besorgt. Er hatte seine Kummermotte verloren, genauer: sie war ihm entflogen. Und das in Dihber, wo es ausdrücklich verboten war, wortmächtige Tiere unbeaufsichtigt zu lassen. Sicher, manche Stadtwächter machten sich wenig aus diesem Verbot, aber nur so lange, wie nichts passierte. Er versuchte sich zu beruhigen „Immerhin ist es sie kein Dreckspatz. Oder ein Faultier. Aber trotzdem, das falsche Wort am falschen Ort... nicht auszudenken, was sie alles anstellen könnte. Hoffentlich erfährt Onkel Vollsorg nichts davon.“

Während Kamu durch die Straßen der Altstadt eilte, rief die große Glocke vom Silbenturm gerade in gemächlicher Weise das fünfte Kapitel des Tages aus. „Nun suche ich schon seit 1000 Worten, und habe Lamaruna immer noch nicht gefunden. Wo kann sie nur stecken?“ fragte er sich.

„Vielleicht sollte ich es mal auf dem Friedhof versuchen... möglicherweise ist sie wieder dabei, einem Bestattungsredner die richtigen Worte für Kummer und Trauer zu geben.“

Kamu warf noch einen Blick zurück, auf die Zuckergasse, in der sich die Menschen drängten, um sich mit den klebrigen Meisterwerken der Konditoren den Tag zu versüßen. Er war sich sicher gewesen, daß Lamaruna wieder hierher geflogen war, um einem Zuckerbäcker das Gefühl zu geben, seine Buchstabenkekse seien nur zweite oder dritte Wahl und es wäre besser, sie aus dem Fenster zu werfen anstatt sie seinen Kunden anzudienen. Kamu dachte mit einem Schmunzeln an das Gesicht des Honigkuchenbäcker zurück, als die einzigen Worte, die ihm zu Beschreibung seines Kuchens einfielen, 'staubig' 'trocken' und 'fade' waren. Leider war er dann erwischt worden, wie er mit Lamaruna zusammen das leckere Backwerk verzehrte... und seit dem versuchte er, besser auf die Kummermotte aufzupassen, bevor sie ihm Kummer machte.

Der Friedhof von Dihber war groß, alt und, da er mitten in der Stadt lag, auch gut besucht. Die ersten Siedler hatten sich gesagt: „Es ist ohne Sinn, die Toten draußen vor der Stadt zu bestatten – dann ist es um so schwieriger, mit ihnen und über sie zu reden.“ Und so entstand eine blühende Nekropole, mit einladenden Grünanlagen, auf denen die Bürger flanierten, und den einzelnen Gräbern stehen blieben, um dort einige Worte zu verlieren – oder auch einige Worte zu finden, etwa von den Laudatoren. Diese vornehm gekleideten Damen und Herren wurden dafür bezahlt, nach dem Tode eines Menschen einige Zeit an seinem Grab zu stehen und gute Dinge über die Verstorbenen zu erzählen. Wenn sie Pech hatten, wurde ihnen das Leben von den Maledicten (Bösrednern) schwer gemacht. Diese wurden von den Widersachern der Verstorbenen bezahlt, um – kaum das der Sarg unter der Erde war – üble oder einfach auch nur wahre Dinge über diese zu erzählen. „De Mortui nihil, nisi bene“ - über die Toten nur Gutes, dieser Satz galt in Dihber nicht. Worte müssen gesprochen, Geschichten erzählt werden, und die Wahrheit hat immer zwei Gesichter.

Die größte Aufmerksamkeit wurde allerdings den Eulogeten zu Teil, die am Grab gute Worte für die Angehörigen und die Verstorbenen zugleich finden mußten. Da den Eulogeten auch die Aufgabe zu Teil wurde, das Testament zu verlesen, war ihnen stets die ungeteilte Aufmerksamkeit der gesamten buckeligen Verwandtschaft sicher. An solch einer Gesellschaft wollte Kamu vorbei, aber die Trauernden und die Erbschaftserwartenden waren so zahlreich vertreten, daß er einen großen Umweg machen mußte. Er stellte sich kurz dazu, um sicher zu sein, daß Lamaruna nicht etwas die Rede des Eulogeten beeinflusste. Aber die Worte tropften wie Gold von den Lippen des Meisterredners, und aus den Gesichtern der Anwesenden las Kamu, daß es genau die Worte waren, die die meisten von ihnen zu hören erwarteten.

Doch als der Wohlredner zum Testament kam, wurden die Menschen unruhig. Eine Frau zischte ihrem Mann zu: „Hätten wir doch unseren Auswälte mitgebracht, als Gegengewicht zu den Anwälten der Gegenseite. Der alte Knacker hat seinen letzten Willen doch noch geändert.“ „Psst. Wenn das jetzt jemand gehört hätte.“ antwortete ihr Begleiter.

Kamu ging weiter, zwischen den blühenden Gräbern hindurch, aber er konnte nirgendwo eine Spur seiner Kummermotte entdecken. Er blieb vor einem Grabstein stehen, in den ein Gedicht eingemeißelt war – wer sich keinen Laudator leisten konnte, lies seine letzten Worte in Stein fassen, was aber als stillos galt. Mittlerweile war die Schrift aber an einigen Stellen mit Moos überwachsen, so daß der Sinn ein wenig entstellt wurde. Vor dem Stein wuchs nur ein wenig Wüstenkraut, eine billige Pflanze, die praktisch keiner Pflege bedurfte. Aber trotzdem, irgend etwas an diesem Armengrab sprach zu Kamu. Er beugte sich vor, und versuchte die Worte zu entziffern. Als ihm das nicht gelang, strich er das Moos beiseite und las diese Inschrift:

 

Magister Kleinwort

Meister der Stille

-

Vieles ist unaussprechlich

Und doch:

das ungesagte Wort

in der Sprache des Herzens

spricht es zu dir

 

Hallen des Schweigens

Worte des Lebens

findest du sie?

 

Kamu verstand das nicht. Da sprach hinter ihm jemand „Mach dir darüber lieber keine Gedanken. Der Kleinwort war ein alter Spinner und Griesgram. Seine wirren Ideen haben ihm zum Spott der ganzen gehobenen Gesellschaft gemacht.“ Kamu fuhr herum. Dort stand ein ganz in schwarz gekleideter, dünner Mann mit einer schwarzen Melone und einem ebensolchen Regenschirm. Er trug einen kleinen, eckig rasierten Schnauzbart und musterte den Jungen einem kalten Blick und zusammengekniffenem Mund. Seine Stimme war klar und seine Worte deutlich, aber abgehackt. Als würde er jedes Wort genau berechnet von sich geben. „Wenn es nicht ein Vergehen wäre, die in Stein gemeisselten Worte zu entfernen, hätten das viele besorgte Bürger bestimmt schon getan. Schau dir lieber andere Gräber an – sieh doch, dort hinten, das Maus-oh-Leo der besten Kindergeschichtenerzähler. Aber vergeude keine Zeit mit Magister Kleinwort. Er ist es einfach nicht wert. Seine Worte sind verstummt, und das ist zu unser aller Vorteil.“

Kamu wurde sich auf einmal bewußt, daß er einem staatlich bezahlten Schlechtredner gegenüberstand. Diese geheimnisvolle Elite der Rethoren arbeitete normalerweise im Verborgenen, flüsterten tödliche Worte in Ohren von Verbrechern und Feinden der Krone. Nur selten zeigten sie sich in der Öffentlichkeit, um zum Beispiel unliebsame Prominente in ihre Schranken zu verweisen. Es hieß, der Baron von Brüllheim wäre bei einem seiner monatlichen Demagogenbälle so entsetzlich bloß gestellt worden, daß er sich danach nicht mehr aus dem Haus traute. Und alles nur, weil er laut darüber nachgedacht hatte, ob man nicht ein wenig mehr Demokratie wagen könnte, um auch dem Wort des Volkes mehr Gewicht zu verleihen.

Wenn der Schlechtredner nur wegen dem Grab dieses für Kamu völlig unbekannten Magisters hier auf dem Friedhof stand, konnte das nur eines bedeuten: Meister Kleinwort mußte etwas ganz besonders Wichtiges gesagt haben. Vielleicht ein Machtwort. Oder eine Wunderzote über eine Frau von Adel. Oder eine Krawallkritik an den gesellschaftlichen Unverhältnissen. Kamus Neugier war geweckt, und er wußte: er wollte unbedingt herausbekommen, was denn nun so schlimm an diesem Verstorbenen war, daß man ihm sogar einen Schlechtredner ans Grab stellte.

„Warum hat man ihn den abgelehnt? Hat er etwas Schlimmes gesagt?“ fragte er den Mann, der mit jedem Augenblick, in dem er die Anwesenheit dieses impertinenten Jungen ertragen mußte, böser und drohender dreinblickte. Wie es seine Aufgabe war, gab er darauf Antwort: „Schlimm ist gar kein Ausdruck. Er hat Irrlehren verbreitet, die schon an Wortbruch grenzen. Seine Lehre vom ... seine schlicht unaussprechlichen Idiotien haben etliche Leute in die Schreigruben gebracht, wo es keine Worte mehr gibt, sondern nur noch ohrenbetäubendes Geschrei, Gestammel und Gelalle. Der König mußte ihm sogar den Mund verbieten. Aber er redete weiter. Letztendlich waren vier kräftige Männer nötig, um ihm das Wort zu entreißen!“ Kamu war beeindruckt. Jemandem das Wort zu entreißen war wirklich das letzte Mittel. „Aber wenn er ein Magister war, warum hat man die Sache dann nicht mit ihm ausdebattiert?“ „Weil er ... ja, das verstehst du halt noch nicht. Ich würde vorschlagen, du gehst jetzt, bevor ich noch mehr Worte an dich verliere. Ich sehe schon: du möchtest in diesem Verrückten gerne einen verkannten Helden sehen, aber ich versichere dir: das ist er in keiner Weise gewesen.“

Kamu dachte kurz nach. Wenn Erwachsene sagten, ein Kind könne sie nicht verstehen, meinten sie meistens, daß ihnen die Worte oder die Weisheit fehlten, um eine Sache vernünftig zu erklären. Konnte es sein, daß er mit ein paar harmlosen Fragen einen Schlechtredner in die Bredouille gebracht hatte? Dann war es vielleicht besser, schnell weg zu gehen, bevor der Beamte ihn zur Zwangsberedung mitnehmen konnte. Kamu verspürte wenig Verlangen danach, über mehrere Tage solange zugetextet zu werden, bis er anfangen würde, die Worte der Schlechtredner von alleine zu wiederholen.

„Ich gehe dann mal lieber. Sie haben bestimmt recht, Magister Kleinwort war eine Schande für seinen ganzen Stand.“ „Genau. Geh, und spiel' ein paar Wortspiele oder bau' ein neues Silbenrätsel für die Schule.“ Der Schlechtredner schien richtig erleichtert darüber, daß Kamu sich aus dem Staub machte.

„Nun geht die Sonne bald unter und ich habe Lamaruna immer noch nicht gefunden. Nicht zu reden davon, daß ich auch noch die Hallen des Schweigens suchen will.“ Kamu schaute sich um. Den Friedhof hatte er nun abgesucht, sogar einen Blick in die Kapellen geworfen, aber von der Kummermotte war keine Spur zu sehen. Da sah er einen Wegweisen, der an einer Kreuzung stand und augenscheinlich nichts zu tun hatte. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn nachdem ein Wegweiser einem Suchenden mit seiner Weisheit über die Wege geholfen hatte, gingen diese natürlich ihres Weges. So wurden Wegweise auch als Weg-weiser belächelt, weil die Suchenden immer gleich ganz weg waren. „Hallo, wissen Sie, wo die Hallen des Schweigens sind?“ Der Wegweise blickte ihn an und nickte: „Ja, das weiß ich. Das kostet dich aber einen Silberhaiku.“ Kamu blickte verschämt zu Boden. „Soviel habe ich leider nicht.“ Und er traute sich nicht, mit dem Wegweisen zu feilschen, denn wenn man sie verärgerte, schickten sie einen in die Wüste, hieß es. Aber der Stadtkundige hatte Mitleid mit dem Jungen: „Wenn du mir sagst, auf welchem Weg du hierher gekommen bist, weise ich dich dorthin.“ Kamu stimmte erleichtert zu. Für den Wegweiser war das Wissen, über welche Straßen jemand von einem Ort zum anderen ging, im Grunde auch gutes Geld wert, denn manchmal änderten sich die Wege, zum Beispiel wenn durch neue Sprachregelungen Einwortstraßen entstanden, die man nur mit dem richtigen Passwort betreten durfte. Also erzählte er, welche Straßen und Gassen er gefolgt war auf der Suche nach Lamaruna. Der Wegweise nickte wieder, offensichtlich zufrieden: „Na, du bist ja heute weit herumgekommen. Und ein gutes Gedächtnis hast du auch noch – wenn du später mal Wegweiser werden möchtest, such mich wieder auf, damit ich dich bei der Gilde vorschlagen kann.“ Und dann sagte er Kamu, wie er auf schnellstem Wege zu den Hallen des Schweigens kommen würde.

Kamu machte sich gleich auf den Weg und eilte die Schwafelallee hinunter, bog hinter dem Dichterpark in die Tuschelgasse und überquerte den Neusatzmarkt. Am Ende mußte er doch noch einmal nach dem Weg fragen, weil der Eingang in den Witzweg von lauter lachenden Menschen verstellt wurde, die sich nach getaner Arbeit dort versammelt hatten, um die neuesten Witze zu hören – oder selber welche zum Besten zu geben. Kinder wurden dort nicht so gerne gesehen, was Kamu sehr verwunderte, denn viele der Witze gaben doch das wieder, was Kinder an lustigen Dingen zu Erwachsenen gesagt hatten.

Letztendlich kam er dann doch zu den Hallen, die in einem Randbezirk der Stadt lagen, in dem es etliche Lagerhäuser und Ruinen gab. Die Hallen des Schweigens waren groß und weitläufig, so sah es jedenfalls von außen aus. Monumentale Säulen säumten den Eingangsbereich, der von einer großen, doppelflügeligen Tür aus dunklem Metall dominiert wurde. Kamu wollte schon geradewegs auf den Haupteingang zulaufen, da sah er neben einer der Säulen eine gebeugte Gestalt herumlungern. Eine Polterhexe! Fast wäre er ihr ins offene Wort gelaufen. Was für ein gefährliches Viertel. Die Polterhexen waren bekannt dafür, daß sie ihre Opfer mit wüsten Beschimpfungen über mehrere Kapitel hinweg verfolgten und sie dabei immer weiter kleinredeten. Bei manchen armen Teufeln bezogen sie sogar vor dem Haus Quartier und lauerten ihnen täglich auf, um sie zu zerreden. Und wehe dem, der sich in seinen vier Wänden einschloß – der wurde von der Polterhexe gnadenlos bei den Nachbarn zertratscht. Es brauchte schon mehrere Eulogeten (Gutredner), um diese fiesen Weiber in die Flucht zu schlagen.

„Aber vielleicht gibt es ja einen Nebeneingang.“ dachte sich Kamu und ging langsam die Straße entlang, wechselte vorsichtshalber auf die gegenüberliegende Straßenseite. Und tatsächlich, es gab an der Rückseite auch eine Tür – aber dort stand ein gelangweilter Gähn-nosse. Der hochgewachsene Mann versuchte zwar, seinen riesigen offenen Mund hinter seiner rechten Hand zu verbergen, aber das konnte den Jungen nicht täuschen – zu oft hatte sein Onkel Vollsorg die Kinder gewarnt: „Und haltet euch von den Gähn-nossen fern. Sonst stecken sie euch noch mit Gähnorrhoe an. Das macht so müde, daß ihr keine Kraft mehr zum Weglaufen habt und sie euch nur noch von der Straße aufsammeln müssen. Dann bringen sie euch in eine Bank, wo ihr den ganzen Tag langweilige Zahlen vorlesen müsst, bis ihr selbst zu Gähn-nossen werdet. Ein trostloseres Dasein kann man sich kaum vorstellen.“

Also war auch dieser Zugang versperrt. Aber Kamus Neugier wurde immer größer. Wenn dieser Ort so gut bewacht war, dann mußte doch etwas Besonderes darin sein. Aber wie sollte er dort hineinkommen? Während er noch nachdachte, sah er einen Miesekater, der sich in der Sonne räkelte. „Pst... he, kannst du mir helfen?“ sprach er das Katzentier an. „Was willst du denn, du Wicht? Es gibt nichts, was du mir geben könntest. Ihr Menschen seid immer so davon überzeugt, daß wir alle nur zu eurem Vergnügen da sind. Verschwinde.“ Kamu ließ sich nicht so leicht abwimmeln, schließlich wusste er, daß Miesekater immer schlechte Laune hatten und damit nicht hinter dem Berg hielten. „Könntest du bitte den Gähn-nossen dort ablenken? Ich möchte in die Hallen des Schweigens.“ Der Kater stand auf und blickte hinüber zu dem Hintereingang. „Also... ich wüßte nicht, was mich dazu bringen sollte, mich für dich in Gefahr zu begeben.“ Kamu bückte sich zu dem Miesekater herunter und streichelte ihn. „Ich könnte dich ein wenig hinter den Ohren kraulen.“ „Ach, das kann ich selbst, bin doch kein athritischer Humpelkater.“ Aber trotz seiner Worte bleibt der Kater stehen und lies sich schnurrend streicheln.

Nach ein paar Minuten schüttelte er sich kurz und sagte „Na, dann will ich mal sehen, was ich tun kann – du bist ja ohne mich völlig hilflos, wie es aussieht.“ Kamu versteckte sich in einem Hauseingang, während der Miesekater zu dem Gähn-nossen hinüberlief und – vorsichtig ausserhalb dessen Reichweite – anfing, dem Mann den Tag zu vermiesen. Es brauchte gar nicht viele Äußerungen der Art „Das soll ein Gähnen sein? Das kann ich ja besser.“ und „Na, zu mehr als zum Langweilen hast du es in deinem Leben wohl nicht gebracht, oder?“, bis der Gähn-nosse sich wütend auf den Kater stürzte und ihm laut fluchend nachlief, um das lästige Tier von der Straße zu vertreiben. Kamu lachte – der Kater war wirklich ein schrecklicher Miesmacher. Während der Wächter nun abgelenkt war, eilte der Junge zum Hintereingang und fand diesen zu seiner Erleichterung unverschlossen. Er blickte sich noch einmal um, und sah die dunkle Gestalt des Gähn-nossen wieder auf dem Weg zurück zu seinem Posten. Schnell verschwand er im Gebäude und betrat so die Hallen des Schweigens.

Das Erste, was Kamu auffiel, war der glänzende Fußboden, der aus poliertem Marmor bestand. Die Wände waren mit seltsamen Mustern verziert, mit einem Relief, das Szenen aus dem Leben und der Geschichte der Stadt darstellte und sich den Gang entlang zog, durch den Kamu auf einen großen Raum zu ging. Im Hintergrund der einzelnen Bilder waren Worte kunstvoll eingearbeitet, mit denen das dargestellte Geschehen um weitere Details ergänzt wurde. Er wäre gerne etwas länger stehen geblieben, um das alles genauer zu betrachten, aber etwas zog ihn weiter – es war schließlich schon Abend, und er wollte nicht die ganze Nacht hier verbringen. Und je länger er sich hier aufhielt, desto wahrscheinlicher würde ihn jemand entdecken. Auch wenn es so aussah, als wären die Hallen völlig verlassen. Für ein Bauwerk, das innen so prächtig gestaltet war, war diese Leere schon seltsam. Und es war so still...

Da wurde Kamu sich der Stille erst wirklich bewußt. Es war Toten-still, kein Laut war von draußen zu hören, und er konnte nicht einmal seine eigenen Schritte hören. Er atmete tief ein und aus, und selbst dieses Geräusch schien seltsam gedämpft, so als würde das Gebäude ihn augenblicklich verschlucken.

An dem Durchgang zum ersten Raum blieb er hinter einer Säule stehen und sah vorsichtig in die Halle hinein. Breite Stufen führten von allen Seiten des quadratischen Raumes nach unten in die Mitte. Von hoch oben fiel durch eine Öffnung ein Lichtstrahl hinein, ein wenig Tageslicht noch, das durch einige Lichtschächte an den Seiten nicht wesentlich verstärkt wurde. Das Licht fiel auf ein Rednerpult, an dem ein dicker Mann mit der Robe eines Ohristen stand. Aber er kam nicht etwa seinem Beruf nach, indem er jemandem sein Ohr lieh und aktiv oder kritisch zuhörte. Und er nutzte seine Position an dem Pult auch nicht um zu reden, sondern stand nur da, ohne einen Ton von sich zu geben.

Es war absolut still in dem Raum. Aber er war nicht leer. Auf den Stufen saßen einige Leute, unauffällige Bürger der Stadt. Für so einen großen Raum waren es aber nicht allzu viele. Doch dafür wimmelte es an der Decke – Kamu erkannte, daß dort hunderte oder tausende von Kummermotten herumkrabbelten. Er hatte gar nicht gewußt, daß so viele davon in der Stadt lebten. Und dann gab es auch noch Nickedackel, die wortlos in die Mitte sahen. Normalerweise hörten sie geduldig zu, nickten und stimmten dem Sprecher mit Worten wie „Ja“ und „Das verstehe ich.“ und „Da hast du recht.“ zu, weswegen sie vor allem bei Entscheidungsträgern mit Selbstzweifeln außerordentlich beliebt waren.

In einer Ecke hatte es sich auch ein Familie Spiegeläffchen bequem gemacht, eine sehr seltene Rasse von psychologischen Primaten, die ihrem Gegenüber immer seine eigenen Worte in anderer Form widerspiegelten, und ihm so daß Gefühl gaben, verstanden zu werden. Nur diese dort verhielten sich anders, als Kamu erwartet hätte: sie sagten nämlich kein Wort.

Nun war der Ohrist am Rednerpult fertig mit was auch immer er dort gemacht hatte. Er verbeugte sich leicht und ging, um sich schwerfällig auf eine der ungepolsterten Stufen zu setzen. Dann flog eine Kummermotte von der Decke herab und setzte sich auf das Pult. Sie bewegte die Flügel ein wenig und schien sehr aufgeregt zu sein. Doch nach und nach kam sie zur Ruhe, und am Ende saß sie nur noch dort, in der Stille, und schwieg. Und der ganze Raum schwieg ihr zu.

Das wiederholte sich noch einige Male, manchmal kam ein Mensch, manchmal eines der wortmächtigen Tiere, und immer standen sie am oder auf dem Rednerpult und schwiegen. Einer der Zuschweiger drehte sich um und winkte Kamu herbei. Anscheinend hatte er den neugierigen Jungen gesehen, als er sich zu seinem Platz zurück begab. Zögernd machte Kamu ein paar Schritte in die Halle und setzte sich, als es keinen Protest gab, auf eine der Stufen und verfolgte das Schauspiel. Als die Sonne untergegangen war und es dunkel wurde, kam die Versammlung zu ihrem Ende. Wer fliegen konnte, entschwand durch die Öffnung in der Decke, wer gehen mußte, durch einen der Ausgänge. Kamu stand auf, und eine Motte landete auf seiner Schulter. „Laramuna!“ flüsterte er. Er hatte seine Motte tatsächlich an diesem seltsamen Ort gefunden. Zusammen mit den anderen Bürgern ging er nach draußen. Von der Polterhexe war nichts mehr zu sehen, und er atmete erleichtert auf. „Ich wusste, daß du mich finden würdest.“ sagte die Kummermotte zu ihm, als sie durch die Straßen nach Hause gingen. „Was habt ihr dort gemacht?“ fragte Kamu sie. „Das hast du doch gesehen: wir haben geschwiegen.“ „Aber warum?“ „Weil es Wesen gibt, die nicht nur Worte machen, sondern sie auch für sich behalten müssen. Was wäre ich für eine Kummermotte, wenn ich anderen von deinem Kummer erzählen würde? Was wäre das für ein Arzt, der über die Krankheit seines Patienten ein Wort an der Öffentlichkeit verliert?“ „Aber... könnte ihr euch nicht davon untereinander erzählen, ohne Namen zu nennen?“ Kamu setzte sich an den Rand eines Springbrunnens und beobachtete, wie ein Lichterlohdri herumging, um mit seinen Brandreden die Laternen für die Nacht anzuzünden. „Das geht in einer Stadt wie Dihber nur schlecht, weil doch fast jeder weiß, wer da noch ein Spiegeläffchen besitzt. Und wer will, kann es ja herauszubekommen, ob jemand diesen oder jenen Arzt mit hochrotem Kopf besucht hat, weil er verbotener Errötik gelauscht hat.“

„Also schweigt ihr gemeinsam?“ Kamu hörte mit einem Ohr dem Gurgeln der Wortspeier zu, die am Brunnenrand saßen und das Wasser immer wieder mit sauberen Worten in den Brunnen zurückspuckten. Lamaruna bewegte leicht den rechten Flügel, was ihre Art war, ihm zuzustimmen. „Genau. Magister Kleinwort hat damals die erste Halle des Schweigens gebaut, damit es in der Stadt der Worte einen Ort gibt, an dem nicht gesprochen wird, wo es keine Zuhörer, aber Zuschweiger gibt. Einen Ort, wo man die Last der Worte hinbringen kann, ohne sie auszusprechen.“ „Bei der Fraktion der Logorrhötiker hat er sich damit bestimmte keine Freunde gemacht.“ sagte Kamu, der sich an die Begegnung mit dem Schlechtredner auf dem Friedhof erinnerte. „Nein, und darum schickt der Senat auch oft Gähn-nossen und Polterhexen oder andere schlimme Leute zu den Hallen, um uns das Leben schwer zu machen. Aber sie trauen sich auch nicht, mehr zu machen, denn sie wissen, das wir verschweigen, was sie insgeheim sagen.“

Kamu nickte. Die Stadt lebte vom gesprochenen Wort, weil die Worte hier die Wirklichkeit mehr formten als anderswo. Und darum war alles suspekt, was Worte vermied, was gar die Stille fördern wollte. Dann stand er auf, denn der Mond war herausgekommen, und er wußte: wenn er nicht bald zu seinem Onkel zurück kam, würde er sich wieder viele Worte anhören müssen. Und er wollte keinen Schimpfspatz an sein Bett gestellt bekommen, der ihm stundenlang Vorhaltungen machte. „Komm, Lamaruna, lass uns gehen.“ Die Kummermotte flog fröhlich um ihn herum, zufrieden, daß sie heute beides geschafft hatte: Kamu etwas Kummer zu machen, indem sie ihn alleine ließ – und ihm den Kummer zu nehmen, indem sie sich wieder finden ließ.

 

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