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Kleptokles, der Gedankendieb

Warum einem manchmal die Worte fehlen

Es gibt Leute, die klauen einfach alles, was nicht niet- und nagelfest ist - und sollte es festgenagelt sein, klauen sie auch die Nägel.

Aber wer ein gespaltenes Verhältnis zum Eigentum anderer Leute entwickelt, sieht sich nicht selten der ungeteilten Aufmerksamkeit eben jener Vorbesitzer ausgesetzt. Kleptokles versteht dieses kleinliche Getue um anderer Menschen Eigentum nicht ganz - aber genausowenig käme es ihm in den Sinn, sich am weltlichen Besitz der Masse zu vergreifen. Denn Kleptokles ist zwar ein Dieb, aber seine Beute besteht nicht aus materiellen Dingen - das ist doch zu billig, das kann doch jeder, etwas mitgehen lassen, was irgendwo herumliegt.

Nein, Kleptokles ist ein besonderer Dieb - er stiehlt Gedanken und Ideen, Worte und Einfälle. Nun zu sagen, diese gedrungene Gestalt wäre ein Industriespion, würde ihn auf's Tiefste verletzen. Was soll ein Genie wie er mit dem Rezept für Coca Cola, wozu soll eine Legende wie er sich mit solch Trivialitäten beschäftigen wie etwa mit welchen 9 Ziffern man von jedem Münztelefon der Welt umsonst telefonieren kann. "Das sind doch Kindereien" würde Kleptokles sagen. Und recht hat er. Nein, er ist nur für die wirklich schwierigen Fälle zu haben, für Jobs, bei denen es um Sprache, um Worte, um Gedanken, um Redewendungen geht. Jobs, bei deren Erwähnung Germanisten des höchsten Levels (69 Semester) aschfahl im Gesicht werden, die professionellen Rednern die Sprache verschlagen.

Das soll nicht heißen, daß er nicht mal so nebenbei was machte, um in Übung zu bleiben. Ist Ihnen mal ein Name nicht eingefallen? Aha! Hatten sie etwas schon mal ein Wort auf der Zunge, aber es kam nicht heraus? Aha! Hatten Sie schon mal abends, nach dem 6. Glas Wein die Formel für Weltfrieden und saubere Unterwäsche im Sinn, und am nächsten Morgen war sie weg? Aha!

Das muß natürlich nicht unbedingt unser Freund Kleptokles gewesen sein, denn es gibt viele, die sich dieser brotlosen und doch höchst einträglichen Kunst widmen. Aber nur wenige - nein, keiner kann ihm das ... wie hieß doch gleich... ist in Flaschen... mit... also ein Glas voll ... also jedenfalls kann ihm das keiner reichen.

Dieb, das klingt natürlich ziemlich hart. Also Kleptokles würde sich eher als Informationstransakationator bezeichnen. Es ist ja nicht so, daß er auf Dauer etwas entfernt. Zum einen bringt er Worte und Gedanken ziemlich schnell wieder zurück, wenn er sie nicht brauchen kann. Hatten Sie das mal, daß Sie nach einem Gespräch auf einmal dachten - "Moment mal, warum habe ich nicht ... gesagt, dann hätte ich nicht so doof dagestanden?" Aha!

Und zum anderen läßt er auch immer etwas halbwegs brauchbares zurück. Nur Amateure stehlen einem Menschen alle Worte, so daß er auf die Frage "Findest du mich zu dick?" nicht mit einem klaren "Nein!" antworten kann. Fortgeschrittene Gedankendiebe - Pardon - Informationstransaktoren lassen auf jeden Fall ein paar Allgemeinplätze zurück ("Das ist ein weites Feld" "Schön ist das nicht."), die ihr Opfer nicht allzu blöd aus der Wäsche schauen lassen.

Aber nur ein Profi schafft es, daß es ganz natürlich aussieht. Als Beispiel führe ich hier nur die Debatte um die Richtlinienkompetenz von Frau Merkel an - jedes Mal, wenn sie etwas kompetentes hätte sagen können, fehlten ihr nicht die Worte - aber sie konnte auch nichts produktives zur Diskussion beisteuern. Man sagt, daß Mr. Stoiber habe sich das eine sechsstellige Summe kosten lassen. Aber - wo sind die guten Gedanken von Frau M alle hin? In Bayern sind sie jedenfalls nicht (dafür war nicht genug Geld auf den Schwarzgeldkonten). Tja, wo würden Sie Worte und Gedanken verstecken, um Ihre Spuren perfekt zu verbergen? Ich sag nur: "Kindermund tut Wahrheit kund." - und wer hört schon zu, was Kinder sagen?

Aber die Querelen um die Richtlinienkompetenz sind doch nur Peanuts, verglichen mit dem Schaden, den ein echter Verbalterrorist anrichten könnte. Stellen sie sich vor, ein Politiker nimmt unbedacht das Wort von der Rentnerschwemme in den Mund... das kann ihn den Kopf kosten! Oder ein Kabarettist vergisst in einer Live-Sendung die Pointe von dem Witz über die Papstwahl, sie wissen schon, das derjenige Papst wird, dessen weltlicher Besitz sich am Besten bei Ebay versteigern lässt.

Tja, das wäre alles sehr ärgerlich, darum bietet Kleptokles auch eine Unwortversicherung an. Haben Sie sich nicht auch schon mal geärgert über ein unbedachtes Wort, über einen falschen Zungenschlag? Aber einmal ausgesprochen kann man ein Wort nicht zurücknehmen. Da ist es besser, wenn einem im entscheidenden Moment ein kleiner Scherz "einfällt" ("Nein, du bist nicht zu dick, schau mal, auf GoogleMaps bist du noch gar nicht zu sehen"). Speziell für Politiker gibt es auch einen Service, der sie nur solche Wahlversprechen machen läßt, an die sich nachher keiner mehr erinnert. Aber nicht jeder erkennt den Wert einer solchen kleinen Absicherung...

Also: wenn Ihnen das nächste Mal die Worte fehlen oder Sie am Ende einer Email den lieben Gruß vergessen, dann muß es nicht am Alter liegen oder an bewußtseinsverändernden Drogen... vielleicht war auch nur ein Gedankendieb am Werke.

(Hier stand mal ein geistreicher Schluß, aber der ist mir gerade entfallen. Wenn Sie ihn zufällig im Kopfe haben, nur tragen Sie ihn doch bitte unten ein...)

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